TRAUMATHERAPIE

WAS IST EINE TRAUMATISIERUNG?

Eine Traumatisierung bedeutet zunächst eine Überforderung des Organismus, bei der keine vollständige und ganzheitliche Verarbeitung eines Ereignisses mehr möglich ist. Häufig geht es um Erfahrungen von psychischer, physischer oder sexualisierter Gewalt, oder aber um chronische emotionale Vernachlässigung, insbesondere in der Kindheit. Ebenso können sich Krieg oder Folter, aber auch Unfälle oder Naturkatastrophen traumatisierend auswirken.

Ob sich ein Ereignis traumatisierend auswirkt oder nicht, hängt einerseits von der Schwere des Ereignisses für die betroffene Person ab. Andererseits hängt dies auch von individuellen Risikofaktoren und Schutzfaktoren ab, wie dem Alter zum Zeitpunkt der Belastung, von vorangehenden Belastungen, der Verfügbarkeit eines unterstützenden sozialen Netzes oder dem Ausmaß der Stabilität im gesamten Lebenskontext.

Bei einer Traumatisierung kommt es zu „Dissoziation“ innerhalb des Organismus, was als Gegenteil von Assoziation zu verstehen ist. Dabei wird angenommen, dass traumatische Erinnerungen, damit verbundene Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und ein dazugehöriges Gesamterleben, vom Gesamtgefüge abgespalten werden. Als Symptome treten dann häufig unwillkürliche Intrusionen („Flashbacks“) oder Albträume auf, die mit den traumatischen Erfahrungen verbunden sind. Gleichzeitig können traumatische Ereignisse oft nicht willentlich abgerufen werden, manchmal treten auch im Alltag Amnesien oder Erinnerungslücken auf. Ebenso berichten Betroffene häufig von Übererregung und ständiger Unruhe, aber auch von emotionaler Taubheit und Abgeschnittenheit. Traumaassoziierte Reize werden häufig mit gutem Grund vermieden und Betroffene ziehen sich oft sozial zurück. Auf körperlicher Ebene werden häufig Schmerzen oder Taubheit berichtet, die jedoch oftmals auf rein somatisch-medizinischer Ebene nicht hinreichend erklärbar sind. Bei besonders schwerer und chronischer Traumatisierung kann der Grad der Dissoziation sehr stark ausgeprägt sein, sodass sich eine komplexe dissoziative Persönlichkeitsstruktur mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen bilden kann. Dies ist als ein überlebensnotwendiger Schutzmechanismus zu verstehen, der bei extremer Belastung bei jedem Menschen auftreten kann und eine große Anpassungsleistung darstellt.

Im Leben der Betroffenen kann Dissoziation zugleich zu erheblichen Einschränkungen und Leidensdruck führen. Komorbide Erkrankungen, die dann begleitend zur Traumafolgestörung auftreten, sind die Regel. Eine fachkundige psychotherapeutische Behandlung ist in dem Falle dringend zu empfehlen.

WAS IST TRAUMATHERAPIE?

Traumatherapie ist verfahrensübergreifend und keiner einzelnen Therapieschule verpflichtet. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher traumatherapeutischer Ansätze und Verfahren, wie z. B. Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR), Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT), Imaginary Rescripting and Reprocessing Therapy (IRRT) oder die Enaktive Traumatherapie (Theorie der strukturellen Dissoziation). Die Verfahren haben teils unterschiedliche theoretische Annahmen und Schwerpunktsetzungen in der Behandlung. Allen gemein ist eine Unterteilung in typischerweise drei Behandlungsphasen: Stabilisierung, Integration und Neuorientierung.

In der Stabilisierungsphase soll der oder die Betroffene dabei unterstützt werden in der Innenwelt, aber auch in der konkreten Außenwelt für Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Dazu gehört beispielsweise eine Stabilisierung der finanziellen, beruflichen oder der Wohnsituation. Häufig ist es auch wichtig ein breiteres soziales Hilfenetzwerk aufzubauen. Selbstschädigendes Verhalten und schädlicher Kontakt zu anderen Menschen soll beschränkt werden. In der Regel werden erst dadurch Ressourcen und Kapazitäten frei, um sich mit hochgradig belastenden Lebenserfahrungen auseinanderzusetzen.

In der zweiten Phase geht es um Integration traumatischer Erfahrungen in die eigene Lebensgeschichte. Das bedeutet eine vollständige Realisation des Geschehenen sowie ein Anerkennen der oft weitreichenden Folgen für den Lebensverlauf. Bislang durch Dissoziation von einander getrennte Erlebnisinhalte, Gefühle, Gedanken, Sichtweisen, Zustände und Selbstanteile sollen in dieser Phase schrittweise miteinander in Verbindung gebracht werden. Dies bedeutet ggf. auch einen wohlwollenden Kontakt zwischen unterschiedlichen dissoziativen Anteilen herzustellen. In dieser aktiven Auseinandersetzung mit der Traumatisierung geht es auch um das Ermöglichen von Trauer um die damalige Lebensrealität. Trauer soll schließlich eine allmähliche Loslösung ermöglichen. Diese Behandlungsphase kann mitunter äußerst belastend und destabilisierend wirken. Das Tempo der Behandlung wird hierbei immer vom Patienten/von der Patientin vorgegeben.

In der letzten Behandlungsphase geht es schließlich darum, in das Leben zurückzufinden und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Dabei soll die traumatische Vergangenheit anerkannt werden, zugleich aber nicht mehr bestimmend für das weitere Leben sein.

Der phasenhafte Ablauf der Traumatherapie gilt natürlich nur als idealtypische Orientierung, eine strikte Trennung der Phasen ist in Wirklichkeit nicht realisierbar. Dennoch dient dies als wichtiger und hilfreicher Bezugsrahmen sowohl für Behandelnde als auch für Menschen, die sich in Behandlung begeben.